Turkmenistan

Abgeschottet von der Welt, autoritär regiert

Armut und fehlende Perspektiven prägen das Leben der meisten Menschen in Turkmenistan. Weitgehend abgeschottet vom Rest der Welt und regiert von einem autoritären Herrscher versuchen sie, ihr Leben zu führen.

Die Infrastruktur Turkmenistans ist marode, die Industrie veraltet. Entsprechend sind turkmenische Güter nicht konkurrenzfähig. Dabei hätte das Land grosses Potenzial, insbesondere aufgrund bedeutender Bodenschätze. In den letzten Jahren ist im Zusammenhang mit der «Road and Belt»-Initiative Chinas die strategische Bedeutung Turkmenistans gewachsen. Sichtbare Frucht davon ist unter anderem ein riesiger neuer Hafen in Turkmenbashi am Kaspischen Meer.

Das religiöse Leben ist stark eingeschränkt, Religion darf nur innerhalb staatlich anerkannter Gemeinschaften ausgeübt werden. Neun von zehn Turkmenen sind Muslime. Der Islam und die ethnische Zugehörigkeit werden als Einheit gesehen. Ethnische Turkmenen geraten unter grossen Druck, wenn sie zum Christentum konvertieren.

 

 

Unsere Hilfe in Turkmenistan

Humanitäre Hilfe

  • Winterhilfe für bedürftige Familien, Rentner und Behinderte.

 

Sommerlager

  • Lager für taubstumme Kinder und Jugendliche.

 

Ausführliche Informationen zu Turkmenistan

Jahrhundertelang lebten die meisten Menschen auf turkmenischem Gebiet als Nomaden. Handel und Verkehr entlang der alten Seidenstrassen brachten viele Einflüsse, zeitweise kontrollierten fremde Herrscher die Region. Zuletzt leisteten die Nomaden russischen Expansionsgelüsten erbitterten Widerstand, doch die Eingliederung ihrer Region in die Sowjetunion konnten sie nicht aufhalten.

 

Gnadenlose Diktatur

Nach dem Zerfall der UdSSR wurde Turkmenistan 1991 unabhängig. Seither wird es autoritär regiert. Der erste Präsident des Landes nannte sich Turkmenbashi (Vater der Turkmenen) und bestimmte sich selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit. Auf Kosten des Staates schuf er einen gigantischen Kult um seine Person. Sein Nachfolger, im Amt seit 2006, regiert ähnlich weiter. Eine Wende zu mehr Demokratie ist nicht absehbar. Turkmenistan ist eines der am stärksten abgeschotteten Länder weltweit, vergleichbar mit Nordkorea.

Punkto Meinungs- und Pressefreiheit rangiert Turkmenistan auf dem letzten Rang aller Länder. Das Internet ist zensuriert. Wer kritische Informationen ins Ausland vermittelt, muss mit Gefängnis oder der Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung rechnen.

 

Das Volk ist bitterarm
Viele Turkmenen sind arm, die Arbeitslosenquote soll gegen 50 % betragen. Viele haben kaum zu essen, es fehlt an Mehl und Brot. Um zu überleben, essen Menschen alles, was sie ergattern können. Das ist seit Jahren so. Leute stehen schon frühmorgens in der Schlange vor den günstigeren staatlichen Läden, wo man pro Person maximal zwei Brote kaufen kann. Es gibt verschmutztes Trinkwasser, kaputte Strassen und marode Krankenhäuser. Ein durchschnittliches Monatseinkommen beträgt rund 60 US-Dollar. Insbesondere junge Menschen sehen in ihrem Land keine Zukunft. Viele gehen in die Türkei, wo sie visumsfrei einreisen können.

Menschen betteln oder durchwühlen Abfallcontainer auf der Suche nach Essbarem oder Nützlichem. Dabei gibt es durchaus Reichtum im Land: Ein Reisebericht bezeichnet die Hauptstadt Aschgabat aufgrund der vielen Marmorpaläste und goldenen Denkmäler als «Stadt aus Marmor und Gold». Der Regierung scheint Selbstinszenierung wichtiger zu sein als die Not des eigenen Volkes.

 

Schwieriges Umfeld für Unternehmer
Die Geschäftskultur in Turkmenistan sei von Bürokratie und Obrigkeitshörigkeit geprägt und widerspreche rechtsstaatlichen Grundsätzen, klagen Geschäftsleute. Wenn der Diktator etwas wünscht, spielt das Gesetz keine Rolle. Bauunternehmer haben in den letzten Jahren im Auftrag des Staates Kindergärten, Schulen und Spitäler gebaut. In der Annahme, dass sie nach Fertigstellung der Bauten bezahlen würden, nahmen sie Kredite auf. Doch mit allen möglichen Ausreden hat sich der Staat vor dem Bezahlen gedrückt. Die betrogenen Unternehmer blieben auf den Schulden sitzen und konnten ihre Arbeiter nicht bezahlen. Die Industrie steht nahezu still, da seit Jahren nicht investiert wird. Alte Maschinen produzieren Teile, für die sich keine Abnehmer mehr finden.

 

Menschenhandel
Turkmenistan zeigt keinerlei Anstrengungen im Kampf gegen Menschenhandel. Zwangsarbeit ist nach wie vor gängig, insbesondere in der Baumwollindustrie. Die Regierung zwingt jedes Jahr Zehntausende von Bürgern, darunter auch Kinder, zur Baumwollernte. Auch für den Bau der Infrastruktur der Asiatischen Hallenspiele 2017 wurden Zwangsarbeiter eingesetzt – ohne Konsequenzen für die Verantwortlichen.

 

Religion
Rund 90 % der Bevölkerung sind Muslime, vorwiegend Sunniten. 9 % gehören der russisch-orthodoxen Kirche an. Daneben gibt es weitere zahlenmässig kleine religiöse Gemeinschaften, unter anderem Juden, Römisch-Katholiken und Baptisten. Eigentlich gilt im Land Religionsfreiheit, doch in der Praxis ist die Ausübung der Religion eingeschränkt. Der Staat will damit seine Kontrolle über das Land sicherstellen. Lange war als christliche Kirche nur die russisch-orthodoxe anerkannt. Ethnische Turkmenen, die zum Christentum konvertieren, erleben Druck von staatlichen Behörden, aber auch von islamischen Geistlichen und von der eigenen Familie. Seit 2003 müssen sich alle religiösen Gruppen registrieren, religiöse Aktivitäten ausserhalb registrierter Gemeinschaften sind illegal. Die Registrierung ist jedoch mit grossen Hürden verbunden.

 

Ressourcen wären vorhanden  
Turkmenistan hat grosses Potenzial: Unter dem Wüstenboden schlummern die viertgrössten Erdgasvorräte der Welt und das Land hat Erdöl. Von Bedeutung ist auch die geografische Lage an der Neuen Seidenstrasse Chinas. Ein grosser internationaler Seehafen am Kaspischen Meer wird seit 2013 erneuert und soll danach in der Lage sein, 300’000 Passagiere, 75’000 Lastwagen und 400’000 Container pro Jahr abzufertigen. Weiter gibt es Pläne für den Bau einer Gaspipeline nach Aserbaidschan, von wo das Gas nach Europa gelangen könnte. Auch touristisch hätte Turkmenistan viel zu bieten: Die Wüste Karakum mit ihrer einzigartigen Flora, historische Städte und Festungen, unterirdische Seen, Thermen, das Kaspische Meer … Der Tourismus könnte helfen, die wirtschaftliche Stagnation zu überwinden, doch dafür bräuchte es offene Grenzen und man dürfte nicht jeden Reisenden als möglichen Spion verdächtigen.

 

Quellen
Turkmenistan, www.liportal.de, 18.06.2020
Verletzungen von Menschen- und Arbeitsrechten, www.publiceye.ch, 18.06.2020
Turkmenistan – Isoliert und Interessengebiet verschiedener Grossmächte, www.deutschlandfunk.de, 13.05.2019
Die Stadt aus Marmor und Gold, www.reisedepeschen.de, 21.08.2017
Turkmenistan: Mehrere Dörfer nach dem Bruch eines Staudamms überflutet, www.novastan.org 18.06.2020
Is Turkmenistan Facing Threat of Famine?, www.turkmen.news, 04.04.2020
Der Alltag zentralasiatischer Frauen: Turkmenistan, www.daz.asia, 8.März 2018
In Turkmenistan wurde Frauen jetzt das Autofahren verboten, www.jolie.de, 12.01.2018
Turkmenistan: Poverty Drives Ever More People to Beg On Streets, Despite Official Claims of Improving Standards of Living, www.turkmen.news, 31.03.2019
Food Lines in a Land of Plenty – Life in Turkmenistan, www.turkmen.news, 2.11.2018
Menschenhandel – Die Situation in Zentralasien verschlechtert sich, www.novastan.org, 26.09.2018
Turkmenistan: Neue Projekte im Bereich Transport und Energie Ost und West überbrücken, www.s-ge.com, 12.11.2018
Turkmenistan: Tourismusentwicklung in einem totalitären Staat?, www.novastan.org, 23.05.2017
 

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